Mittwoch, 31. Oktober 2012

Balkanreise 2.

Grobes Ziel: Montenegro. Über Popovic ins Gebirge (äh....wo ist KEIN Gebirge?) - dicke, dunkelgraue Nebelschwaden, je höher sich die Strasse schraubt. Zypressenhaine, Olivenbäume, Steineichen. Gemüsegärten, Weingärten. Die umgepflügte Erde leuchtet rot. Kleine Dörfer, hübsche Häuschen. Autoleichen, malerisch am Strassenrand aufgebockt auf Haufen aus Karstgestein. Angenehmste Temperaturen. Bedeckter Himmel, leiser Wind. Wir lassen uns die Kurven entlangtreiben, lernen Orte und Leute kennen.

Landen in Molunat und fragen eine Frau, die aus einem Auto steigt nach einem Café. Sie schickt uns die Strasse hinunter in ihr eigenes Campingplatz-Restaurant. Es heisst wie sie selbst, Monika, und liegt direkt am blauen Wasser in einer stillen Bucht. 










Später sind wir irgendwo in Montenegro, über verschlungene Wege durch die Wildnis, die schon herbstlich in allen bunten Farben strahlt, geraten wir an eine Art Bretterbude am Strassenrand: ein Café. Eine Holzveranda, eine Handvoll sonnengegerbter Männer beim Bier. Die Wirtin, eine freundliche verwitterte Blondine mit rauher Stimme, stellt ungefragt einen Teller voll Schinken und Käse vor uns auf den Tisch, grinst breit und deutet von ihrem Herzen auf den Teller. Wir bestellen Kaffee und dann müssen wir Rest machen, wehe, wir machen eine Pause, dann werden wir sofort mit temperamentgeladenen Gesten, die keinen Widerspruch zulassen, aufgefordert, weiter zu essen. Hier kommen schliesslich nicht alle Tage ein paar Deutsche oder was auch immer wir sind, mit dem Leihauto vorbei. Das muss gefeiert werden! David holt das Cello aus dem Auto und spielt den Männern ein Bach-Präludium vor, was diese aber nicht sonderlich beeindruckt. Ich zische ein schönes kaltes Pivo, montenegrinisches Bier, das eigenartigerweise nicht besoffen macht, und blättere hilflos in meinem Langenscheidt. Keine Chance, auch nur einen halben Satz zusammenzubasteln. Nicht mal ein Wort kann man so aussprechen, dass es ein Einheimischer versteht....
Vom Klo rät David mir ab. Ein aufgemauerter Verschlag mit Loch im Boden, um welches sich Riesenameisen scharen. Dies soll natürlich kein Einzelfall bleiben..... ;)
Wir unterhalten uns mit Händen und Füssen. Eigenartige, vokal-lose Sprachen hier und ein herzlicher Abschied.








Weiter über eine wilde, unbefestigte Strasse. Einsame kleine Landwirtschaften, ein paar Kühe und Gänse vorm Haus, eigenartig aufgetürmte Heuhaufen, Kettenhunde. Hunde leben auch wild in der Landschaft, humpeln struppig und krank zwischen niedrigen Kiefern herum oder aber sehen so propper aus, als gehörten sie zu einer sie liebenden Familie, was aber wohl nicht der Fall ist. Für uns ein ebenso ungewohnter Anblick wie die Kühe, die die Strasse genau so benutzen wie wir. Man muss vorsichtig sein, hinter der nächsten Kurve könnten ein oder zwei stehen wie eine Wand. 


Am Ende unserer Hoppelstrasse treffen wir einen Ziegen-Hirten, den wir nach dem Weg fragen bzw. wo in etwa wir überhaupt sind. Mit einer Art Sichel in der Hand führt er seine Herde entlang der Hauptstrasse nach Niksic. Wir kommen ins "Gespräch", ich zeige ihm auf dem Handy ein Foto von der Wirtin von vorhin. Rührend wie vorsichtig er die Brille aus dem Etui holt, als handele  es sich um das Kostbarste, das er besitzt. (Vielleicht ist er ja auch ein ausgestiegener Millionär, der das einfache Leben hip findet? Womöglich Inhaber einer Optiker-Kette?)











 Eine Grenze, dann die nächste. Kroatien-Montenegro. Montenegro-Bosnien/Herzegowina. Dann wieder nach Kroatien. Selten wird man durchgewunken. Zu 98% gestoppt, dann reicht man entweder die Papiere durchs Schiebefenster oder jemand Wichtiges kommt mit grimmiger Miene ans Auto, nimmt alles mit in seine Hütte und kommt nach einer Ewigkeit wieder raus. Freundlichkeit? Fehlanzeige. Jeder Touri ist ein potentieller Waffenschmuggler. Stimmt ja auch.





Weiter geht es durchs Nirgendwo. Schliesslich sind wir in Bosnien. Kilometerweit kein Haus, kein Mensch. Dann endlich in der Dämmerung: Trebinje. Westliches Flair vermischt mit Resten sozialistischer Tristesse. 
Irgendwann, im Dunkeln, tauchen die über der nächtlichen Bucht glimmenden Lichter Dubrovniks auf.


Schön, die Ferienwohnung. Wunderbar,der gute Wein, der Bauernkäse, die Oliven.  Das leise Rauschen des Verkehrs auf der nahen Küstenstrasse, ein Hund bellt in der Ferne, irgendwo wird ferngesehen und vom Nebenbalkon hört man leises kroatisches Gebrabbel. Die Adria liegt genau vor uns, in der Stadt unten hupen Autos, eine Kirchenglocke scheppert heiser, altertümlich und schön alle Viertelstunde. Ab und zu weht der Nachtwind Gesang zu uns herauf und eine Jazzposaune, die "Saint Thomas" spielt. 

Samstag, 20. Oktober 2012

balkanreise 1.



2. oktober 2012

dubrovnik.
david war schon drei tage vor mir da, weil ich noch hierzulande zu tun hatte. also flog ich allein, ganz ohne bilder im kopf, denn ich bin noch nie vorher in jugoslawien gewesen, und da ich dank meiner lieblingstablette "reisegold" nicht luftkrank war, reckte ich, statt die aufkommende übelkeit zu verschlafen, den hals nach den im dunst auftauchenden inseln, die wie schlafende graue riesenkrokodile im glatten  wasser lagen. dieser erste anblick der kroatischen küste versprach viel gutes!
die landebahn im nirgendwo einer wüstenartigen umgebung, ein kleiner fliegerhorst vor felsiger bergkulisse. graues gestein, stachelige pflanzen. mittelmeer. eine angenehme hitze, nicht flimmernd. ein paar wenige schritte übers rollfeld, ein flaches gebäude und dann david mit dubrovnik-t-shirt und einer handvoll dornigem gestrüpp, das er in ermangelung frischer floristen-ware am strassenrand gepflückt hatte zuerst steigen wir in den falschen leihwagen ein, dann in den richtigen, und ich bin sofort hingerissen von der landschaft, der kurvigen küstenstrasse, die sich entlang der glitzernden bucht in die höhe schwingt, und da sehe ich auch schon die altstadt von dubrovnik, gesäumt von ihrer stadtmauer, malerisch im blauen meer. und tatsächlich: unsere wohnung befindet sich ganz genau darüber. bravo, david! was für ein blick über die inseln, die altstadt, die dunkelblaue adria....
david schleppt mich sogleich hoch zu maja, der vermieterin. wir sitzen in nachgemachtem biedermeyer und trinken warmen saft, und sie kann gar kein englisch, aber wir reden mit händen und füssen und irgendwie geht das schon und auf dem flachbildschirm flimmert die webcam vom stradun, die menschen schemenhaft, der marmorboden grell die sonne reflektierend. maja gibt uns eine karaffe rotwein mit, den ein freund herstellt, natural! nur für abends auf der terrasse gedacht. ein probeschluck bestätigt das. heidewitzka, der hat's in sich, aber what a taste!
wir fahren hinunter an den hafen, zum konsum. wie schön, die im spätnachmittagslicht leise dümpelnden schiffe, die grünen inseln. notwendige einkäufe-wasser, brot, kaffee, kerzen, küchenschwämme. david nimmt whiskas mit als geschenk für maja, die zwei katzen hat, eine gestromte, eine schwarze.
am frühen abend gehen wir die 450 stufen von unserer wohnung durch ein altertümliches treppenviertel direkt hinunter in die altstadt. beeindruckend im ihrer altertümlichkeit. nicht überfüllt. der landgang der kreuzfahrer hat wohl tagsüber stattgefunden. gemütliches flanieren auf dem glänzenden, spiegelglatten pflaster des stradun, ich stelze ein bisschen vorsichtig, weil ich das immer das gefühl habe, ich rutsche gleich aus. sehr schön und idyllisch die kleinen gassen mit tischen und stühlen der restaurants, aber überall diese animateure, die einen hineinlocken wollen. die stadtmauer hat einen eingang und einen ausgang, hinter letzterem befindet sich ein großes fisch-restaurant, hinter dessen tischen das wasser plätschert. so schön, diese wärme und die licher ringsherum auf den hügeln und bergen und inseln. ein festlich beleuchteter 3-mastiger kreuzfahrer liegt in der bucht vor anker.
wir wandern auf den polierten steinen den stradun entlang, ich will unbedingt cevapcici, das nationalgericht, und wir landen ausgerechnet im "balkan-express", wo david den kellner schon kennt. wir trinken köstlichen kroatischen rotwein. die cevapcici finde ich hingegen eher doof.
die treppen wieder hinauf sind endlos, und ich fluche innerlich, während david voran jumpt wie eine gemse und dabei sehr fröhlich alle vorbeistreifenden strassenkatzen streichelt. oben angekommen gibt es nur noch wasser aus der 6-liter-pulle und dann den sofort den ultimativen akklimatisierungs-schlaf.