Montag, 30. August 2010

prora.

prora besteht ja gottseidank nicht nur aus diesen bedrohlichen adolf-hitler-blocks. die hab ich ja vor zwei jahren schon von nahem gesehen. in sehr positiver erinnerung habe ich den außergewöhnlich schönen breiten und langen strand mit dem für rügen typischen feinen, weissen sand. und eine kleine strandbar, schlicht mit weißen plastikstühlen,  die ich gern nochmal näherer betrachtung unterzogen hätte. aber dann wußten wir nicht genau, wo das noch war, welchen parkplatz man nehmen muss, ach, und überhaupt, schon wieder diese blocks. keine kraft, keine freude. wir wollten, nein, falsch, ich, wollte ja auch nur ganz dringend in den großen trödel-shop. der machte aber erst in einer stunde auf.
da fanden wir -ein stück weiter- dieses kleinod.


zwei in eins. "ihre kette" drinnen so gruft-artig dunkel, daß man die etiketten der ragout-fäng-dosen und soleier-gläser gar nicht auf unangenehme zusatzstoffe hin untersuchen konnte. bizarrerweise inmitten des minimalen, sich auf den nötigsten camping-proviant beschränkenden angebots ein himmelblaues beach-cruiser-fahrrad für 500 euro. und ein durchgang zu einem bestuhlten schnellimbiss. wir fragen nach der zeit, womit wir die zeitung meinen. (mami ist süchtig nach dem rätsel). der wirt strahlt aus blauen augen und lacht mit weißen zähnen: "davon hätten wir auch gern mehr!" und ist ganz begeisert von seinem wortspiel. ansonsten: außer der ostsee-zeitung nix gewesen.
wir gehen in den imbiss und bestellen kaffee. ich streichele die kleine schwarze hündin, die brav auf der schwelle liegt und erfahre von ihrem am flipper sitzenden herrchen, daß sie betty heisst. wir setzen uns nach draußen. der kaffee ist erstaunlich gut. es ist mittagszeit und es kommen ein paar leute. alles einheimische, die ich um ihr rüg-kennzeichen beneide. ich weiß nicht, warum, aber ich wäre schon gerne insulanerin und führe sehr gerne meine rüganer nummer spazieren.

liebevoll designter aussensitz

ein insider-treff. man kennt sich. es gibt eier in senfsoße und hamburger schnitzel. alles sieht erstaunlich gut aus, dampfende kartoffelberge, eindeutig mit liebe gekocht.
wir müssen noch zeit totschlagen, ich hole eine zweite ladung kaffee. drinnen haben sich  ungefähr fünf männer angesammelt.
"gar kein strandwetter heute", sagt der hundebesitzer zu mir, während ich auf den kaffee warte.
"och", sage ich, "nicht so schlimm, strand haben wir in kiel selber, wir wollen in die trödel-halle."
alle reagieren irgendwie, und das nicht gerade positiv.
"und was versprechen sie sich davon?"
"ach, da stöbere ich gern in den büchern und vielleicht finde ich ein bisschen alte ost-romantik."
der hunde-mann, ganz aufgehellt: "die waren nicht so schlecht, die ostzeiten, was?"
der wirt, sehr gut und frisch aussehendes gemüse auf einen teller häufend, ruft rüber:  "kennt sie doch nicht!"
der junge typ am daddelautomaten zum wirt hin:  "aber so wie sie waren,  wollen wir die ost-zeiten nicht wiederhaben!"
"nee, richtig, wir wollen die zwar gern wiederhaben, aber anders!"

so ist das mit vergangenheit.



als ich das erste mal in der trödelhalle war, war da eine ältere frau mit gerade auf kinnhöhe abgeschnittenen haaren und intellektueller hornbrille, die mich verblüffte, indem sie sich über ihren tresen lehnte und sagte: "was wollen sie denn dafür geben? bei uns werden die preise im kollektiv erarbeitet!" und hinter jedem stück, das ich damals haben wollte, stand sie irgendwie. ebenso hinter prora übrigens. viele rüganer finden den "koloss" gar nicht schlimm, sondern wollen, dass etwas drin entsteht. (und nicht nur weiterhin als eines der vielen stillgelegten projekte von west-spekulanten weiter vor sich hin gammelt, und keiner weiss, was damit nun werden soll). als wenn die insel durch diese monströse historische aktion, die im rohbau stecken geblieben ist, beachtung durch die welt erfahren hat, von einem fortschrittsgedanken gestreift wurde. man kann ganz schön ins fettnäpfchen treten, wenn man sich mißbilligend über diese gruseligen bunker äußert, das haben wir mehrfach erlebt.



dieses mal war ich vom angebot der halle enttäuscht. es hatte sich gar nichts getan seit letztem jahr, keine neuen tollen trödel-sachen. in dem weitläufigen lager wehte ein hauch von stagnations-muff und lustlosigkeit.
ein paar wichtige dinge erstand ich doch.

zum beispiel diesen formschönen, gutgelaunten knoblauch-topf, ein kleiner küchenhelfer für aba.


in der mittlerweile heruntergekommenen bücherecke fand ich direkt neben der lenin-gesamtausgabe zwei bände, die ich mir sowieso gerade bei amazon gebraucht bestellen wollte.


zsolt von harsanyi: ungarische rhapsodie. der lebensroman franz liszts. und stefan zweigs novellen,die ich zwar irgendwo noch habe, aber wo, ist die frage.



diesmal saß hinter dem tresen ein sehr unfreundlicher mann. meine güte, war der unfreundlich! "fünf." war alles, was er mir entgegenmurrte. kein lächeln, kein gruß. blödmann.
ich wollte doch die preise im kollektiv erarbeiten!



nächstes jahr gehe ich gleich im kleinod bei dem netten wirt mit den strahlenden augen, der mit leib und seele seine gäste mit anscheinend prima essen bewirtet, senfeier essen und danach such ich die strand-bar.
mami, die mich zwischen abgebeizten kiefernschränken, bleiglas, gesammelten unmengen von  villeroy& boch-steingut und rosengärten in öl großgezogen hat, die mich als kind über die wahren flohmärkte bis nach england hin geschleppt hat, die expertin und kennerin wirklich guten trödels, hat es ja immer schon gesagt, daß das hier nix ist.

Sonntag, 29. August 2010

begegnung am bodden.


da saß ich neulich so in unserem kleinen wintergarten und fiddelte mich in meinen täglichen rausch, als ich plötzlich im blickwinkel eine bewegung wahrnahm. standen da zwei zierliche, ziemlich sportlich wirkende ladies und lächelten mir freundlich zu. mein erster gedanke: nun ist es soweit. die bewohner der nachbar- datscha beschweren sich. mag ja nicht jeder irish-fiddle-music. mein bruder zum beispiel würde garantiert die unterkunft wechseln, wenn er diesem genre täglich ausgesetzt wäre.
aber es kam ganz anders. ich öffnete die schiebetür, da stand die  eine der beiden schon neben mir: "ich wollte mal wissen, ob's dafür notenmaterial gibt!" und wühlte sich durch die tune-sammlungen und fiddle-bücher, die ausgebreitet auf dem tisch vor mir lagen.  noch ehe wir vollständige sätze miteinander gewechselt haben, hatte sie schon spontan meine geige geschultert und spielte etwas aus der bach'schen chaconne. ups! die andere lachte. sofort bekam ich einen hinweis auf meine viel zu tief liegende e-saite, die müsse dringend unterlegt werden, besser sei noch ein neuer steg.

video


es stellte sich heraus, dass es sich um die für ein paar tage nach rügen gereiste profi-geigerin johanna watzke handelte, gründerin und chefin des wuppertaler kammerorchesters. sie war mit ihrer freundin eva, einer geigenden pathologin, per fahrrad an unserem haus vorbeigekommen. die magie der keltischen musik sog sie gleichsam vom sattel durch das gartentor bis hin zur quelle der mystischen klänge.
während mami mit eva auf der terrasse  mineralwasser trank und über rügen sprach, wollte johanna von mir noch ein bisschen fiddle hören und dann selber mal probieren....für eine durch und durch klassische geigerin mit edlem klang und besonderem faible für schostakowitsch geht das nicht so leicht aus dem stand, technik und tonbildung sind gänzlich anders. ich fand das sehr unprätentiös, sehr spontan und lebendig. nicht nur diesen wundersamen zufall als solchen, sondern auch solche persönlichkeiten, die nicht glauben, daß sie ihr langes leben lang gelernt und gelehrt haben und große virtuosen geworden sind und deshalb alles wissen und können, sondern die neugierig geblieben sind und was neues ausprobieren wollen und total frisch und offen auf leute und sachen zugehen.
wir unterhielten uns in kürzester zeit alle vier über gott und die welt, und dann umarmten wir uns wie alte freunde. das ganze hatte vielleicht eine halbe stunde gedauert, dann tauschten wir email-adressen aus und die beiden schwangen sich wieder auf ihr rad und fuhren davon.
ich war sehr dankbar.

Samstag, 28. August 2010

klangkiste.


na, das ist doch mal der wahre spaß!
die kieler klangkiste, seit jahren "die" adresse für musikalische früherziehung, ist in den grasweg gezogen, und ich mit.

endlich mal platz!

hier wird getrommelt und gepfiffen, hier wird gesungen und getanzt.
nein, ich mache keine früherziehung, das machen micho, meike und judith. bei mir kann man dann aber dann weitermachen mit geige oder flöte, gitarre oder klavier, bei phillipp saxophon und klarinette, bei annette blockflöte und fagott. cello bei david ist in planung.


ich bin begeistert von dem turm aus glas, beton, stahl und holz, der gleich neben der trauma in den himmel ragt.


in der obersten etage gibt es einen wunderschönen aufenthaltsraum mit kaffeemaschine und dachterrasse. und jede menge parkplätze gibt's obendrein. was will man mehr?


allerdings beantrage ich faule socke noch bitte einen gläsernen fahrstuhl!

und hier der blick von der dachterrasse:

video

Donnerstag, 26. August 2010

david francis: die agapanthusblüte.


drei wochen rügen mit mami. ein einsames häuschen im schilf, von birnbäumen umgeben. auf einer seite verschmelzen 185 hektar weizen mit dem horizont, auf der anderen glitzert der bodden. ein vergessenes dorf ist der nächste ort, internet haben wir nicht. hier komme ich so richtig zum fiddle-üben. mit dem blick aufs wasser und die gegenüberliegende steilküste in der ferne denke ich dann immer, ich bin in irland. und: wir lesen. romane, lyrik, reisebeschreibungen, krimis...und dabei ist es passiert: ich habe "meinen" autor entdeckt. sein name ist david francis. er ist so in den vierzigern, ist auf einer pferdefarm in australien großgeworden, war mal springreiter auf internationaler ebene und lebt heute als rechtsanwalt in los angeles.




es gibt nur dieses buch von ihm auf deutsch, sein zweites ist nicht übersetzt worden, an einem dritten arbeitet er zurzeit. das vielbeachtete und preisgekrönte werk, das mir so sehr gefällt, ist schon "alt", nämlich von 2001. es heißt "die agapanthusblüte". wem der titel nicht gefällt, kann sich die taschenbuchausgabe besorgen, die heißt nämlich "der wüstengarten". auf englisch "the great inland sea".
unter diesem titel wird es zurzeit verfilmt.




haupthandlungsort ist australien in den 50er jahren. eine einsame farm, auf der der ich - erzähler namens day, 12 jahre alt, in primitiven verhältnissen aufwächst. er muß mit ansehen, wie seine mutter langsam und elendiglich zugrunde geht. sein vater "behandelt" sie selbst gegen eine dubiose krankheit ("sie wurde immer merkwürdiger") indem er sie über lange zeit ans bett fesselt, wo sie eines tages vor den augen des jungen qualvoll stirbt. der vater verscharrt sie lieblos auf dem acker. am selben tag verläßt day die farm. er schifft sich nach amerika ein, wo er pferde trainiert und ein mädchen kennenlernt, carrie. sie ist schwierig und unergründlich. die liebe bleibt von ihrer seite aus platonisch, er findet sich damit ab und bleibt passiv. day bleibt im grunde immer in seinem kokon. er beobachtet die welt um sich herum, bekommt aber nicht recht kontakt zu den anderen. er hat ein liebevolles herz, aber er begegnet nur menschen, die man als kalt und distanziert empfindet. den innigsten kontakt hat er -finde ich- zu seinem pferd unusual, das zu ihm gehört, und mit dem er durch dick und dünn geht. eines tages kehrt er nach australien zurück und vieles relativiert sich. es stellt sich heraus, daß alle personen  traumatisiert sind.  ein jeder trägt einen großen unverarbeiteten schmerz mit sich herum und von daher bringt man mehr verständnis für den einzelnen und für die so erstarrt wirkenden beziehungen auf. jeder ist ganz allein. aber der autor läßt ganz am ende ein kleines keimchen hoffnung für den helden stehen, einen dünnen lichtstreifen am horizont. dafür bin ich ihm sehr dankbar,weil es der noch lange nachwirkenden beklemmung zumindest die spitze nimmt.




die handlung ist spannend. ein fortlaufender fluss, entwicklungen mit unerwartetem ergebnis, äußerst feinsinnige, sensible psychologische beobachtungen.



der erzählstil jedoch haut mich nahezu vom hocker.

ich las das buch in einem rutsch durch - im schein der nachttischlampe -  und meine recherchen ergaben, daß ich da kein einzelfall bin. gottseidank hatte ich ja ferien! und mit panik sah ich die noch zu lesenden seiten des ohnehin schmalen buches immer weniger werden und zwang mich zur langsamkeit, um jeden einzelnen satz zu genießen. danach war ich mehrere tage lang nicht fähig, irgend etwas anderes zu lesen, ich wollte die atmosphäre nicht verlassen. nichts kam an diese klare, essentielle und dabei absoulut unprätentiöse sprache heran, die knappen sätze, die einfachen worte, der gleichmäßige rhythmus, der mich hypnotisch von der ersten seite an in den bann gezogen hat.


ich habe es selten erlebt, daß lektüre solche starken inneren bilder entstehen läßt, und das vor allem durch so spartanische mittel. das kann nur ein autor mit riesigem poetischen potential. eigentlich ist es lyrik in romanform. es ist musik und gemälde. dem übersetzer jerry hofer gebührt höchstes lob!
sehr gefallen hat mir auch der letzte satz in den danksagungen, in dem der autor sich bei seiner mansarde in los angeles bedankt, der aussicht aus dem fenster, bei den friedhöfen und geheimen plätzen, "...wo ich mit dem stift in der hand sitze und auf augenblicke hoffe, in denen die worte kommen."




ich habe mir heute das zweite buch von david francis bestellt, den in höchsten tönen gelobten krimi "stray dog winter", welcher ja leider nur auf englisch zu bekommen ist. ich kann's kaum erwarten!

Dienstag, 24. August 2010

nach mir der pflug



nach mir der pflug

ein letzter blick
das stoppelfeld

golden

perfekte grafik
in farbe und form

frieden

paar träge krähen
in noch sanfter sonne
hüpfen entspannt
schwarz und leicht

geerntet was es zu ernten gab
in der scheune läuft die trocknung
tag und nacht

es gibt nichts mehr zu tun

die tasche ist gepackt
das bettzeug abgezogen
der schlüssel im briefkasten
die autotür klappt zu

am morgen ziehen die nebel
der winter wird hart








Sonntag, 1. August 2010

urlaub.


so, es geht los. ich zieh mich dann mal für drei wochen in mein sommerdomizil zurück - hotspotless- laptop kommt mit, zum schreiben und fotos abspeichern, ansonsten bekommt es einem internetjunkie wie mir ausgesprochen gut, mal offline zu gehen. (insgeheim natürlich die hoffnung hegend, daß sich dieses jahr etwas an den gegebenheiten geändert haben könnte...) weswegen ich auch kein i-phone oder ähnliches besitze.
ein haufen bücher kommt mit, instrumente, noten, zeichensachen und ein bisschen geld, um im dorfkrug jede menge flundern zu essen, barock-konzerte in uralten dorfkirchen zu besuchen und fahrräder zu leihen.



frühmorgens wird mich seidenweiche luft empfangen und abends sehe ich von hier das allnächtliche kleine feuerwerk am andern ufer, und wenn ich glück habe, laufen nachts unterm sternschnuppenspeienden firmament wieder die füchse durch den garten, ohne mich zu bemerken.

ich lasse euch im anschluss an diesen post noch ein kleines video von letztem jahr da  -
und verabschiede mich erstmal mit diesem aleatorischen meisterwerk, direkt aus naomis künstlerseele in den teller geglitten: