Donnerstag, 26. August 2010

david francis: die agapanthusblüte.


drei wochen rügen mit mami. ein einsames häuschen im schilf, von birnbäumen umgeben. auf einer seite verschmelzen 185 hektar weizen mit dem horizont, auf der anderen glitzert der bodden. ein vergessenes dorf ist der nächste ort, internet haben wir nicht. hier komme ich so richtig zum fiddle-üben. mit dem blick aufs wasser und die gegenüberliegende steilküste in der ferne denke ich dann immer, ich bin in irland. und: wir lesen. romane, lyrik, reisebeschreibungen, krimis...und dabei ist es passiert: ich habe "meinen" autor entdeckt. sein name ist david francis. er ist so in den vierzigern, ist auf einer pferdefarm in australien großgeworden, war mal springreiter auf internationaler ebene und lebt heute als rechtsanwalt in los angeles.




es gibt nur dieses buch von ihm auf deutsch, sein zweites ist nicht übersetzt worden, an einem dritten arbeitet er zurzeit. das vielbeachtete und preisgekrönte werk, das mir so sehr gefällt, ist schon "alt", nämlich von 2001. es heißt "die agapanthusblüte". wem der titel nicht gefällt, kann sich die taschenbuchausgabe besorgen, die heißt nämlich "der wüstengarten". auf englisch "the great inland sea".
unter diesem titel wird es zurzeit verfilmt.




haupthandlungsort ist australien in den 50er jahren. eine einsame farm, auf der der ich - erzähler namens day, 12 jahre alt, in primitiven verhältnissen aufwächst. er muß mit ansehen, wie seine mutter langsam und elendiglich zugrunde geht. sein vater "behandelt" sie selbst gegen eine dubiose krankheit ("sie wurde immer merkwürdiger") indem er sie über lange zeit ans bett fesselt, wo sie eines tages vor den augen des jungen qualvoll stirbt. der vater verscharrt sie lieblos auf dem acker. am selben tag verläßt day die farm. er schifft sich nach amerika ein, wo er pferde trainiert und ein mädchen kennenlernt, carrie. sie ist schwierig und unergründlich. die liebe bleibt von ihrer seite aus platonisch, er findet sich damit ab und bleibt passiv. day bleibt im grunde immer in seinem kokon. er beobachtet die welt um sich herum, bekommt aber nicht recht kontakt zu den anderen. er hat ein liebevolles herz, aber er begegnet nur menschen, die man als kalt und distanziert empfindet. den innigsten kontakt hat er -finde ich- zu seinem pferd unusual, das zu ihm gehört, und mit dem er durch dick und dünn geht. eines tages kehrt er nach australien zurück und vieles relativiert sich. es stellt sich heraus, daß alle personen  traumatisiert sind.  ein jeder trägt einen großen unverarbeiteten schmerz mit sich herum und von daher bringt man mehr verständnis für den einzelnen und für die so erstarrt wirkenden beziehungen auf. jeder ist ganz allein. aber der autor läßt ganz am ende ein kleines keimchen hoffnung für den helden stehen, einen dünnen lichtstreifen am horizont. dafür bin ich ihm sehr dankbar,weil es der noch lange nachwirkenden beklemmung zumindest die spitze nimmt.




die handlung ist spannend. ein fortlaufender fluss, entwicklungen mit unerwartetem ergebnis, äußerst feinsinnige, sensible psychologische beobachtungen.



der erzählstil jedoch haut mich nahezu vom hocker.

ich las das buch in einem rutsch durch - im schein der nachttischlampe -  und meine recherchen ergaben, daß ich da kein einzelfall bin. gottseidank hatte ich ja ferien! und mit panik sah ich die noch zu lesenden seiten des ohnehin schmalen buches immer weniger werden und zwang mich zur langsamkeit, um jeden einzelnen satz zu genießen. danach war ich mehrere tage lang nicht fähig, irgend etwas anderes zu lesen, ich wollte die atmosphäre nicht verlassen. nichts kam an diese klare, essentielle und dabei absoulut unprätentiöse sprache heran, die knappen sätze, die einfachen worte, der gleichmäßige rhythmus, der mich hypnotisch von der ersten seite an in den bann gezogen hat.


ich habe es selten erlebt, daß lektüre solche starken inneren bilder entstehen läßt, und das vor allem durch so spartanische mittel. das kann nur ein autor mit riesigem poetischen potential. eigentlich ist es lyrik in romanform. es ist musik und gemälde. dem übersetzer jerry hofer gebührt höchstes lob!
sehr gefallen hat mir auch der letzte satz in den danksagungen, in dem der autor sich bei seiner mansarde in los angeles bedankt, der aussicht aus dem fenster, bei den friedhöfen und geheimen plätzen, "...wo ich mit dem stift in der hand sitze und auf augenblicke hoffe, in denen die worte kommen."




ich habe mir heute das zweite buch von david francis bestellt, den in höchsten tönen gelobten krimi "stray dog winter", welcher ja leider nur auf englisch zu bekommen ist. ich kann's kaum erwarten!

Kommentare:

mkh hat gesagt…

"...wo ich mit dem stift in der hand sitze und auf augenblicke hoffe, in denen die worte kommen..." - Das klingt wunderschön. Und deine Beschreibung: sehr anregend! Danke.

Bea hat gesagt…

Tolle Rezension!
Macht neugierig auf mehr.
Ich habe gleich mal im Bestand der Zentralbücherei gewühlt, aber leider haben sie es dort nicht. Vielleicht finde ich es mal in einem Antiquariat. Auf jeden Fall steht es nun ganz oben auf meiner Liste.

yael hat gesagt…

@ mkh: ja, dieser satz hat ganz viel damit zu tun, wie das buch ist...

@ bea: und bei amazon marketplace? ich hab da gerade die taschenbuchausgabe für einen cent bekommen, wie gesagt, da heisst es "der wüstengarten".
freut mich sehr, daß euch die beschreibung gefällt, ich fand das ganz schön schwer. was man zu einem buch so denkt, ist so viel und vielschichtig, und da das nötigste rauszufiltern *ächz*, ohne dann auch noch zuviel zu verraten.

Bea hat gesagt…

Manchmal hab ich wirklich ein Brett vorm Kopp!
Habs bei Amazon bestellt. :)

yael hat gesagt…

@ bea: wie mich das freut!!!!

mo jour hat gesagt…

liebe yael, das ist eine ganz wunderbare buchbesprechung geworden, sehr atmosphärisch, sehr persönlich und sehr sehr einladend. danke für diesen lesetipp und danke, dass du an den übersetzer gedacht hast!

das gefühl, nach dem lesen eines (für mich) guten buches noch eine weile in dessen atmosphäre bleiben zu wollen, kenne ich gut. vor ein paar tagen erst habe ich einen 500-seiten wälzer zur seite gelegt - und fühlte mich ganz verlassen und einsam, weil die personen aus dem buch plötzlich nicht mehr bei mir waren ....

Juliane hat gesagt…

Du fährst mit Deiner Mutter in den Urlaub und dann noch an einen so idyllischen Platz! Wie ich Dich beneide (habe leider keine Mutter)!
Und danke für die Buchbeschreibung - werde mir das Buch ebenfalls bestellen.

yael hat gesagt…

@ mojour: ach, das finde ich ja so schön, daß euch meine beschreibung gefällt, vielleicht mache ich sowas öfter mal! na, und sag schon, wie hiess der wälzer? Und der Übersetzer...ja, bei Konzerten bedanke ich mich auch beim Soundmixer. Übersetzen, nachdichten, das ist doch der blanke Wahnsinn, sowas zu können.

@ juliane: ja, dafür bin ich auch sehr dankbar! es sind wunderschöne, spannungsfreie drei wochen im jahr, die wir aus vollen zügen genießen.

mkh hat gesagt…

Ich habe das Buch gelesen und bin begeistert. Es ist viel zu gut, um es für knapp 1 EUR über amazon zu verscherbeln. Danke dir für den Buchtipp!!!

Svenja-and-the-City hat gesagt…

Eine wunderbar einfühlsame Rezension, liebe Yael. Und wie ich sehe, kostet das Buch tatsächlich nur einen Cent und Versand.
Momentan bin ich den historischen Romanen verhaftet, aber es kommt auf jeden Fall auf meine Leseliste. Danke dafür.