Sonntag, 29. August 2010

begegnung am bodden.


da saß ich neulich so in unserem kleinen wintergarten und fiddelte mich in meinen täglichen rausch, als ich plötzlich im blickwinkel eine bewegung wahrnahm. standen da zwei zierliche, ziemlich sportlich wirkende ladies und lächelten mir freundlich zu. mein erster gedanke: nun ist es soweit. die bewohner der nachbar- datscha beschweren sich. mag ja nicht jeder irish-fiddle-music. mein bruder zum beispiel würde garantiert die unterkunft wechseln, wenn er diesem genre täglich ausgesetzt wäre.
aber es kam ganz anders. ich öffnete die schiebetür, da stand die  eine der beiden schon neben mir: "ich wollte mal wissen, ob's dafür notenmaterial gibt!" und wühlte sich durch die tune-sammlungen und fiddle-bücher, die ausgebreitet auf dem tisch vor mir lagen.  noch ehe wir vollständige sätze miteinander gewechselt haben, hatte sie schon spontan meine geige geschultert und spielte etwas aus der bach'schen chaconne. ups! die andere lachte. sofort bekam ich einen hinweis auf meine viel zu tief liegende e-saite, die müsse dringend unterlegt werden, besser sei noch ein neuer steg.

video


es stellte sich heraus, dass es sich um die für ein paar tage nach rügen gereiste profi-geigerin johanna watzke handelte, gründerin und chefin des wuppertaler kammerorchesters. sie war mit ihrer freundin eva, einer geigenden pathologin, per fahrrad an unserem haus vorbeigekommen. die magie der keltischen musik sog sie gleichsam vom sattel durch das gartentor bis hin zur quelle der mystischen klänge.
während mami mit eva auf der terrasse  mineralwasser trank und über rügen sprach, wollte johanna von mir noch ein bisschen fiddle hören und dann selber mal probieren....für eine durch und durch klassische geigerin mit edlem klang und besonderem faible für schostakowitsch geht das nicht so leicht aus dem stand, technik und tonbildung sind gänzlich anders. ich fand das sehr unprätentiös, sehr spontan und lebendig. nicht nur diesen wundersamen zufall als solchen, sondern auch solche persönlichkeiten, die nicht glauben, daß sie ihr langes leben lang gelernt und gelehrt haben und große virtuosen geworden sind und deshalb alles wissen und können, sondern die neugierig geblieben sind und was neues ausprobieren wollen und total frisch und offen auf leute und sachen zugehen.
wir unterhielten uns in kürzester zeit alle vier über gott und die welt, und dann umarmten wir uns wie alte freunde. das ganze hatte vielleicht eine halbe stunde gedauert, dann tauschten wir email-adressen aus und die beiden schwangen sich wieder auf ihr rad und fuhren davon.
ich war sehr dankbar.

Kommentare:

GZi hat gesagt…

Welch schöne bereichernde Begegnung, liebe Gesche, sowas Unkompliziertes erlebt man nicht mehr oft!

yael hat gesagt…

das magst du wohl sagen. das war ein richtig tolles erlebnis :-)

Paderkroete hat gesagt…

Toll ....einfach nur Toll finde ich das!!!

yael hat gesagt…

@ :-) ja,nicht? das war fast unwirklich.

Bea hat gesagt…

Dass es sowas überhaupt noch gibt. Früher war das wohl auch noch eher normal, fremde Menschen anzusprechen, aber heute?. (Ich hätte auch als erstes an sich beschwerende Nachbarn gedacht.) Ich bin auch oft sehr offen und spontan (ohne allerdings aufdringlich zu sein!) und werde dann immer gern mal misstrauisch beäugt und/oder mit "Hat-die-´n-Knall?"-Blicken bedacht. Das Misstrauen der Menschen scheint grenzenlos und (leider) aber völlig normal zu sein. Würde doch jeder mit offeneren Armen (und Augen und Ohren) durch die Welt gehen, sähe die so viel bunter aus ...
Umso schöner ist es doch, wenn man von so einer Begegnung erzählen kann. Welch ein tolles Erlebnis für alle Beteiligten! Freut mich für Dich! :-)

mkh hat gesagt…

Skurril und herzerwärmend... - schön.

Uta hat gesagt…

Ganz toll!
Kunst, Kreativität oder auch einfach nur gleiche Interessen verbinden eben doch - und das ist es - vielleicht gerade - in unserer heutigen Zeit wieder?!?

yael hat gesagt…

@ bea: ich finde auch, das war etwas ganz besonderes. ja, die welt wäre sehr viel freundlicher, wenn so etwas normal wäre.

@mkh: ja,eine echte kleine geschichte zum aufschreiben, direkt vom leben offeriert :-)

@uta: du hast recht, nur gibt es leider auch unter musikern viele barrieren und konkurrenzkämpfe, und einer muss dem anderen dauernd erzählen, wie toll er ist....dewegen war dieses so etwas ganz besonders schönes.