Sonntag, 31. Oktober 2010

abgefischt.


noch ganz unter dem einfluss des großartigen films "food inc"  stehend,der donnerstagnacht im tv lief, kam das traditionelle jährliche abfischen des bokeler sees uns bestens zupass. die message des films ist, einfach wieder mehr auf dem wochenmarkt einzukaufen, keinen bearbeiteten industrie-quatsch usw. wird hier sowieso nicht gemacht ausser gelegentlichen kunstprodukten aus dem asia-shop, aber besser als fische, die soeben noch in ihrem natürlichen ambiente geschwommen haben und innerhalb von sekunden als zappelnde plastiktüte beim gehen an dein bein schlagen, geht's nicht.
redete ich mir ein.


die veranstaltung hat volksfest-charakter, mit dem üblichen kommerz in form eines sogenannten bauernmarktes, auf dem es tatsächlich auch ein paar kohlköpfe zu erstehen gab, neben socken, stofftieren, edelsteinen und marken-strickmützen. 



richtig klassisch gut waren die "pförtchen" der ladies vom roten kreuz, die natürlich nicht unprobiert blieben. ich meine mal gelesen zu haben, dass sich die bezeichnung dieses reinen diät-gebäcks sich von "furz" ableitet und somit "förtchen" geschrieben wird?! vielleicht hat auch nur die rechtschreibreform zugeschlagen...




das eigentliche spektakel konzentriert sich jedoch nicht auf karussellfahren und nachmittagstee im glaspavillon des verschlafenen hotels "bokelermühle".


die hauptattraktion sind tausende fische, die inmitten des trockengefallenen sees in einer schmalen rinne gen waldrand treiben, die rücken der karpfen wie buckelwale aus dem wasser ragend. links und rechts stehen möwen auf dem grauen grund, auf kleinen beifang wartend. die fische werden durch eine unterführung gespült, hinter der männer mit hochwandigen grünen gummihosen in einem kleinen staubecken stehen,




und sofort, wenn ein schwung zappelnder sechspfünder oder eine hundertschaft forellen durch das steinerne tor quillt, sie in die netze lenken. die gesamte weitere abwicklung geschieht schnell und hat sportiven charakter. eine art läufer rast mit dem casher zum sortiertisch, knallt die fische darauf, rennt wieder weg, die tiere werden nach arten getrennt in große schwarze eimer geschubst, die dann auf gummibereiften karren überschwappend, unter lautem geschrei " mal platz machen da bitte, weg da!" im laufschritt zur schlachtbank gefahren werden.







es muss fix  gehen, der fischandrang ist groß, der käuferandrang auch. alles ist nass, der boden schwimmt, die karpfen machen einen riesenaufstand, ich bin ganz beeindruckt von der kraft, die in so einem goldschimmerndem leib steckt, der sich in alle richtungen biegt, wenn er aus versehen vom tisch fällt und auf den boden klatscht. zu zweit muss er eingefangen werden.
um die ecke, an der metzel-stelle, stehen dann die eimer.



die kleinen schleie, so lieb mit ihren zarten rosa menschenmündern, die verzweifelt nach luft schnappen. so zarte gesichtchen, und die will doch sowieso niemand haben, wegen der vielen gräten...das herz tut mir weh, wenn ich in die sanften kleinen, hilfesuchenden augen gucke.




aber ich will ja nun "natürlich" leben, und da gehört es eben dazu, dass man das alles so ertragen kann, nicht wahr?
ich sage mir, dass es den karpfen bis zur letzten sekunde ihres lebens gut gegangen ist. dass sie nicht in so einem bassin im fischladen gelandet sind, wo sie sich auf engstem raum gegenseitig zerbeissen und man sich den am wenigsten verwundeten aussucht. aber karpfen kommt ja sowieso nicht infrage. aba als nicht-fisch-esser kann man höchstens eine forelle zumuten. diese seien klein dieses jahr, sagt der fischer, also kommen vier stück mit. sie werden brutal mit einem holzhammer ausgeknockt, abgewogen, aufgeschlitzt, das innenleben rausgerissen....ich sehe interessiert zu, wobei ich mich bemühe, keine persönliche beziehung zu dem silbrigen quartett aufzubauen.



und wohl auch nur, um mich davon abzulenken, was gleich daneben auf dem karpfen-posten los ist. meine güte. das ist nicht schön. ein blutiges massaker. der mensch ist grausam. so ein schönes, perfektes tier, mit einem freundlichen gesicht mit augen und mund...totgeschlagen, in der mitte durchgeteilt, die halbierten organe rhythmisch zuckend. immer wieder wischt der schlachter literweise blut von der arbeitsplatte.




um meinen magen zu beruhigen, erstehe ich einen plastiknapf erbsensuppe zum dumpingpreis von 5 euro, wahrscheinlich ist die standmiete mit direktem blick auf die fischfang-action extrem hoch!

aber immerhin. wir hatten ehemals glückliche forellen im ofen, aba hat eine trotz vereinzelt auftauchender gräten geschafft, indem er sich wiederholt vom gesundheitswert von omega drei überzeugte (ist das nicht mehr salzwasser-angelegenheit?), und die andere ess ich gleich zum frühstück, ha!







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Kommentare:

Svenja-and-the-City hat gesagt…

Welch eine schöne Erinnerung, ich war früher selbst JEDES JAHR zum Abfischen am Bokeler See. Ich habe ganz in der Nähe gewohnt und es war in dieser ländlichen Umgebung jedes Jahr ein Großereignis. Du hast es ganz toll präsentiert, genau so habe ich das in Erinnerung.

mo jour hat gesagt…

gesche, liebe - so lebendig hast du das beschrieben, dass mir ist, als wäre ich selbst dabei gewesen. samt flauem gefühl im magen. die erbsensuppe wäre wohl nicht lang bei mir geblieben ...
schönen sonntag noch für dich & alle!

janni hat gesagt…

die förtchen hiessen früher,
vielleicht auch heute noch in einigen landstrichen, NONNENFÜRZCHEN
und waren - glaub ich - eine fastenzeitspeise
j.
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zimtapfel hat gesagt…

Fangfrischer Fisch, wie geil!
Du hättest fünf nehmen sollen, dann hättest du dein eigenes, privates Forellenquintett mit nachhause nehmen können. Welches ich neulich beim Zerlegen einer Räucherforelle vor mich hin trällerte, man soll die Speisen ja ehren... :-)

yael hat gesagt…

@ svenja: ja, sie erwarteten tausende besucher. die gegend ist wunderschön, finde ich.

@ mo: danke dir, dir auch einen schönen sonntag!

@janni: ausgerechnet fasten...die fetten dinger

@ zimtapfel:haha...da bin ich gar nicht drauf gekommen.klar hätte ich das tun sollen, ich depp! naja, nächstes jahr...

mkh hat gesagt…

Zwar ausgesprochen brutal, aber weit schlimmere Brutalitäten zeigen sich eher schleichend und verschleiert. Könnte man beispielsweise das zugemüllte Ostseewasser auch so schön ein Mal auswechseln bitte und dabei womöglich ein paar Fischis massakrieren, um deren Bestand hinterher wieder künstlich neu anzulegen, wäre vieles leichter. So gesehen ist der Bokener See zwar ein Lehrstück der Grausamkeit des hochbegabten Fleischfressers Homo sapiens, aber angesichts viel größerer ökologischer Raubmorde eigentlich schon fast "nachhaltig". Hierzu jetzt auch der aktuelle WWF-Einkaufsratgeber "Fische und Meeresfrüchte" - wichtige Entscheidungshilfe für alle Fischfeinschmecker!

http://www.wwf.de/themen/meere-kuesten/fischerei-und-fischzucht/jeder-kann-handeln/neu-fischratgeber/

yael hat gesagt…

@ mkh: ja, ich sehe das auch nicht so negativ, wie gesagt, den fischen geht es ja bis zu ihrem kurzen, hoffentlich schmerzlosen ende gut in ihrem schönen see. vielen dank für den wertvollen link!