Dienstag, 25. Mai 2010

das gedicht zum montagmorgen, der ein dienstagmorgen ist.



Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.




Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
gedicht: rezept
autorin: mascha kaleko 



 

Kommentare:

Svenja-and-the-City hat gesagt…

Ein wunderbares Gedicht. Besonders "Die Angst vor den Ängsten" hat mich angesprochen. Und dass das Leid so vergänglich ist wie das Glück, finde ich nur fair und es tröstet mich.

yael hat gesagt…

@ svenja: ich hab schon lange damit liebäugelt, es hier mal zu posten, und immer den passenden moment abgewartet, denn es sollte nicht aus mangel an eigen-content herhalten. ich finde, jetzt ist der moment richtig ;-)

mo jour hat gesagt…

liebe gesche, ja. das ist ja wie für mich gemacht ;-) danke. ich habe es schon beim ersten lesen gedacht. aber ich wollte nicht so vermessen sein, das auf mich zu beziehen.

die kaleko mag ich sehr. meine lieblingszeilen? in diesem die da: "Lebe auf Zeit und sieh, wie wenig du brauchst. Richte dich ein. Und halte den Koffer bereit."

ich antworte mit celan: "dein haar möchte weh'n, wenn du fährst - das ist ihm verboten. die bleiben und winken, wissen es nicht."

mkh hat gesagt…

Ja, wunderbar - so machen wir das!

Und die Aussichten aus Hamburg kenne ich doch...

Im Ernst: Ein sehr schönes Gedicht. Etwas dunkel und misstrauisch stellenweise ("...der Bruder verrät..."). Aber sonst schöne, weise, gute Worte.

Quer hat gesagt…

Manchmal wirken solche Rezepte erstaunlich gut, auch wenn sie sich nicht eins zu eins auf jeden Menschen anwenden lassen.

Danke für das schöne Gedicht von Mascha Kaleko, das ich noch nicht kannte.